Mittelalterlicher Baubetrieb und die Fabrica des Domes zu Meißen

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Der Dom St. Johannes Evangelist und St. Donatus auf dem Burgberg in Meißen war seit
seiner Erhebung zur Kathedralkirche unter Kaiser Otto im Jahre 968 bis zur Reformation das
prägende Zentrum des Bistums sowie der Mark Meißen bzw. dem späteren Kurfürstentum
Sachsen. Chor und Querhaus des gotischen Domes, zusammen entstanden von 1240 bis
um 1270, repräsentieren modernste Stilformen der Architektur der Zeit. Nach einem
Planwechsel um 1270 errichtete man ein Langhaus in Form einer Halle. Der Meißner Dom mit
Langhaus und den untersten Geschossen der Westtürme wurde um 1400 vollendet. Das dritte
Turmgeschoß folgte in den 1470er Jahren; der Ausbau der Westtürme 1904 - 1908 geht auf
Pläne des Karlsruher Architekten Karl Schäfer zurück.

Wie man an Hand von Darstellungen des Meißner Domes allein nur von den letzten 100 Jahren
rasch nachweisen kann, hat sich das Äußere des gewaltigen Baukomplexes hoch oben auf
dem Burgberg vielfach entscheidend verändert. Man darf ihn also nicht als homogenes Gebilde
auffassen, sondern als eine Subsumierung von Bauteilen und -konstruktionen, die erst im
Laufe der Zeit dem Bauwerk die Gestalt verliehen haben, die heute so signifikant mit der
Doppelturmfront die Stadtkrone Meißens bildet.

Der Wissenschaftszweig der Bauforschung geht diesen Spuren nach und versucht, das Bild,
das wir uns heute von der Entstehung so eines mittelalterlichen Baus machen können,
aufzuhellen. In Meißen geschah das baubegleitend bei der umfassenden Restaurierung des
Bauwerkes, die im wesentlichen 1991 begann und noch andauert. Sie greift dabei auf
Forschungsarbeiten der letzten Jahrzehnte, mehr aber auf die Urkunden im Archivum
Magnum des Meißner Hochstiftes, die Anfertigung genauester verformungsgetreuer Bauver-
messungen und die Erfassung der Steinmetzzeichen des Baues zurück; auch stilkritische
Untersuchungen werden als Datierungshilfe herangezogen. All diese Mittel gestatten uns nun
einen genaueren Einblick als bisher möglich in die relative Chronologie der Baugeschichte des
gotischen Doms mit seinen Bauphasen von ca. 1250 bis um 1400, der Annexbauten im
Westen um 1420 und dem Bau des 3. Turmgeschosses 1470. Das Spätmittelalter und die
Neuzeit liefern schon durch eine erhalten gebliebene Aktenlage mehr Informationen und mit
dem Ausbau der Westtürme von 1904-1908 gibt es dazu noch zeichnerische Unterlagen der verschiedensten Entwürfe, statische Berechnungen  und Publikationen. Auf die Erforschung
der beiden Vorgängerbauten, den ottonischen Bau von 968 und den romanischen Dom, soll
hier nicht näher eingegangen werden.

Die 1271 erstmalig in Urkunden erwähnte Fabrica (Cdsr II,1-3,213) des Meißner Domes
unterscheidet sich nicht grundsätzlich von den Bauverwaltungen an anderen Kathedralen. Sie
formierte sich gleichzeitig mit der Ausbildung eines im Laufe der Zeit eigenständig gewordenen
Domkapitels, das sich von der dem Bischof untergebenen Klerikergemeinschaft zu einer
autarken Körperschaft mit eigener Rechtsstellung entwickelte, als untergeordnetes Amt dieses
Kapitels für einen speziellen Aufgabenbereich, war jedoch kein selbständiges Rechtssubjekt.
Eine Meißner Besonderheit besteht darin, daß die Fabrica auch die Finanzverwaltung
baufremder Aufgaben übernahm und allgemeine Einkünfte sammelte und verteilte. Wie an
anderen Orten zeigt sich auch in Meißen, daß der Vorsteher zuerst ein Vertreter des Dom-
kapitels war. Dann schuf man das Amt des Magister fabricae, dem Dombaumeister, der Laie
war, für einen bestimmten Zeitraum vom Kapitel gewählt wurde und zur Rechnungslegung
verpflichtet war. Er wird in Meißen erstmals 1324 urkundlich erwähnt. Der Vorsteher der
Fabrica war wohl in der Anfangszeit der Institution der Thesaurarius, d.h. der Schatzmeister
des Domkapitels. Die Indulgenz von 1290 legt diese Beziehung klar fest: die Spenden sollten
der Kirche bzw. dem Thesaurarius gegeben werden, der sie an die Fabrica weiter reicht. Am
Ende des 13. Jahrhunderts war der Domherr Konrad von Boritz der Thesaurarius des Kapitels.
Dieser stiftete 1291 die Kapelle im Obergeschoß des Achteckbaus und 1296 die Allerheiligen-
kapelle. Offenbar geschah die Finanzierung dieser Bereiche weniger aus dem Privatvermögen
als vielmehr aus den Überweisungen an den Thesaurarius, die für den Dombau bestimmt sein
sollten. Die Fabrica als Institution zur Bauverwaltung ist nicht zu verwechseln mit der Bauhütte
selbst, die von einem Magister Operis geleitet wurde. Bereits sehr früh wird es aber aus ganz
praktischen Gründen eine Ämterkumulation gegeben haben und die Strukturen entstanden
sein, die wir im über l000jährigen Hochstift noch vorfinden.

Um den Dombau möglich zu machen, mußte die Fabrica in Meißen wie bei jeder Kathedrale
mit Finanzen ausgestattet werden. Man teilt die verschiedenen Einkünfte der Fabrica nach
ihrer Herkunft in Einnahmen von den Domkapitularen, vom Diözesanklerus, von den Laien und
den weltlichen Herrschern. Zu den Leistungen des Domkapitels gegenüber der Fabrica gehörte
die Überschreibung von Grundbesitz bzw. Zinsen aus Grundbesitz sowie die Übergabe von Renteneinkünften. Beide Einnahmequellen waren aber  für das gesamte Finanzvolumen der
jeweiligen Fabrica eher unbedeutend. Nur wenige Fabrikverwaltungen verfügten über entsprech-
end großen Grundbesitz. Häufiger war die Übertragung von Präbenden aus dem Besitz des
Kapitelgutes. Damit konnten relativ hohe Einnahmen erreicht werden. Auch die Domherren
beteiligten sich an der Finanzierung der Fabrica. Äußerst selten ist der direkte Einkommensver-
zicht der Kanoniker. Stattdessen nahm die Fabrica Geld bei Statusveränderung der Domherren
ein.

Neugewählte Kanoniker hatten Aufnahmegebühren zu entrichten. Von erheblicher Bedeutung
für den Dombau war die Einrichtung eines Gnadenjahres zugunsten der Fabrica ("annus
gratiae" "annus fabricae"). Nach dem Tod eines Kanonikers wurden die Einkünfte aus der
Präbende des Verstorbenen ganz oder teilweise der Fabrica zur Verfügung gestellt. Erst nach
diesem Karenzjahr verlieh man die Präbende an den Amtsnachfolger. Die Regelungen zum
Gnadenjahr unterscheiden sich von Ort zu Ort. Die Domherren trugen weiterhin über Straf-
gelder zur Finanzierung der Fabrica bei. Diese Strafen wurden bei der Vernachlässigung
geistlicher Pflichten oder bei der Abwesenheit vom Ort fällig. An einigen Orten war über eine
Ablösegebühr zugunsten des Dombaus die Befreiung von der Anwesenheitspflicht möglich.

Die finanzielle Mithilfe des Klerus der Diözese konnte über Zirkularschreiben gewonnen werden
, die vom Bischof oder Papst mit einer entsprechenden Bitte versandt wurden. Daneben
konnten Strafgelder an die Fabrica fließen, wenn der örtliche Klerus bestimmte Aufgaben
vernachlässigte. Von entscheidender Bedeutung für die Baufinanzierung waren die Annaten,
d.h. Einkünfte aus den Benefizien des Klerus. Diese Regelung ist dem Gnadenjahr verwandt.

Vor diesem Hintergrund muß man nun die Baudurchführung sehen. Sie begann für die Errich-
tung des gotischen Domes zunächst weit außerhalb der Ostteile des romanischen Vor-
gängerbaus mit dem Bau von Substruktionen, mit denen ein ebenes Baugelände und weit in
Felsklüfte hineingreifende Fundamentierungen im Bereich des steil zum EIbtal abfallenden
Bergsporns geschaffen wurden. Darauf wuchsen die Wände des Chorpolygons, des
Stifterjochs und der kleinen Wendelsteine, deren Treppen zu einen oberen Chorumgang
führten.

Eine Werkzeichnung, im M 1:1 an der Südwand eingeritzt, verrät uns den Bauplan und die
Kenntnis genialer Verfahren der Bauabsteckung. Nach Abbruch der romanischen Apsiden
wurde der Bau in Höhe und Länge unter Einbeziehung der Querhausarme weitergeführt.
Bereits 1268 wurde ein Festgottesdienst im neuen Domchor gefeiert, der schon da über seine
komplette baukünstlerische Ausstattung (Skulpturenprogramm aus der Naumburger Werkstatt,
das Wurzel-Jesse- Fenster (Glasmalerei) verfügte. Um 1270 folgt nach einem Planwechsel der
Bau des Hallenlanghauses, das um 1400 als vollendet gelten kann. Erst in den 1470er Jahren
folgt unter Dombaumeister Arnold von Westfalen der Ausbau der Westtürme.

Aus konstruktiver Sicht handelt es sich beim Meißner Bau um ein zweischaliges Quader-
mauerwerk aus sorgfältig behauenen, hochfesten quarzitisch gebundenen Sandsteinen aus
Brüchen des Tharandter Waldes und des Elbtales. Er ist immer als steinsichtiger Quaderbau
konzipiert gewesen; seine Werksteine sind deshalb nach einem genauen Plan in der wirt-
schaftlich und statisch vorteilhaften Lagerfugenbauweise errichtet. Bewusst unterschied man
zwischen 3 Steinvarietäten, die am Außenbau, der inneren Wandschale und für bildhauerische
Arbeiten verwendet wurden. Ca. 40 bis 70 Steinmetze, die man an Hand der Steinmetzzeichen
"namhaft" machen kann, muß man je Baukampagne ansetzen, die sowohl im Verding als auch
im Tagelohn 12 bis 14 Stunden auf der gotischen Großbaustelle beschäftigt waren. Hinzu
kommen die Mörtelmacher und Steinsetzer, Zimmerer, Schmiede, Handlanger, Fuhrleute,
Göpelwerk- und Haspelknechte, Hüttenknechte, nicht zuletzt das schaulustige Volk und der
Klerus selbst, der natürlich "seinen" Bau besichtigte, aber auch in den bereits zugänglichen
Teilen des Gotteshauses Messen feierte, die Anniversarien und das Stundengebet abhielt.
Nicht nur bautechnisch, sondern auch finanziell und technologisch perfekt muß solch eine
gotische Großbaustelle organisiert gewesen sein! Aus zeitgenössischen Abbildungen kennen
wir die wohl durchdachten Bauweisen und Hilfsmittel, um die gewaltigen Steingewichte nach
oben bewegen zu können und kühn konzipierte Gewölbe zu konstruieren. Am Meißner Dom
sind all diese Spuren sowohl im Innenraum bei der Wiederherstellung der mittelalterlichen
Raumfassung, also der Steinsichtigkeit zu der eine rote bzw. gelbe Rippenfarbigkeit gehört
als auch am Außenbau mit dem Zeigen der Zangenlöcher am Steinwerk sichtbar geblieben.
Sie lassen uns mit unserem bruchstückhaften Wissen wohl den Gedanken der mittelalter-
lichen Baumeister nachspüren, sie geben uns aber auch immer mehr Rätsel auf und zeigen
uns unsere Grenzen. Vielleicht kann man das bedauern, aber man kann es auch so empfinden,
daß uns mit dem letzten Stück Unerforschten auch der Respekt und die Achtung vor der
Leistung des Mittelalters geblieben ist. Der Bau des Meißner Domes war kein Selbstzweck;
seine Steinblöcke wurden bemalt, verziert, behauen um dem Gebet einen Raum zu geben
und für Gott das Schönste zu schaffen. Und sie werden heute restauriert, damit auch in
Zukunft Steine zu den Menschen sprechen können.

  


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